Kostenfreier Versand ab CHF 140.-
10-Tage-Rückgaberecht auf Online-Bestellungen

Achtsamkeit im Umgang mit dem kostbaren Rohstoff «Wolle»

Achtsamkeit im Umgang mit dem kostbaren Rohstoff «Wolle»

Nachhaltige Wolle – Teil 2 / Gespräch mit Elmar Sautter, Geschäftsführer von Disana

Baby- und Kindertextilien aus naturbelassenen Stoffen – mit dieser Idee wurde Disana vor über 40 Jahren in Deutschland gegründet. Was mit einem waschbaren Windelsystem begann, hat sich im Laufe der Jahre zu einem breiten Sortiment an Kinder- und Heimtextilien entwickelt. Auch in Sachen «Nachhaltigkeit» in der Textilbranche ist Disana ein Vorreiter, wie Geschäftsführer Elmar Sautter erzählt. 

 

Herr Sautter, was bedeutet «Nachhaltigkeit» für Disana? Was ist Ihnen da wichtig?

Die Produktionskette selbst und das Zusammenspiel der einzelnen Akteure in der Kette. Das macht ein Textil ja erst zu einem nachhaltigen Produkt. Nicht alleine, dass wir die Partner in der textilen Kette kennen, sondern dass wir wissen, wie der Vorlieferant oder auch der nächste in der Kette arbeitet und was der tut. Dieses Zusammenspiel zwischen den Akteuren halte ich für unglaublich wichtig, um überhaupt in die Nähe eines nachhaltigen Produkts zu kommen.

Eine sehr wichtige Rolle spielt dabei die Organisation IVN, der Internationale Verband der Naturtextilwirtschaft. Wir sind da Gründungsmitglied. Auch beim Vorgängerverband, dem Arbeitskreis Naturtextil, der 1986 gegründet wurde. Meine Mutter war damals die Erste, die darauf bestanden hat, dass man die Chlorbleiche bei Baumwolle weglässt. Die erste Definition eines «Biogarns» war dann auch «Baumwolle ungebleicht». Das war eine Erfindung meiner Mutter.

Es ist dem IVN zu verdanken, dass er immer wieder neue Richtlinien erarbeitet hat, an die sich diese Akteure halten können, die aber auch neutrale Massstäbe setzen für so ein Naturtextil oder eine natürliche, heute sagt man nachhaltige, Produktion. So haben sich alle Akteure entlang der Produktionskette – seien es die Bauern auf dem Feld, seien es die Wäschereien, die Spinnereien, et cetera – im Laufe der Jahre immer weiterentwickelt.

 

Wie wählen Sie Produzenten, Lieferanten und Partner aus?

Innerhalb des IVN findet man Partner, die sich an die gleichen Kriterien halten. Ein Kind des IVN ist der Global Organic Textile Standard (GOTS), welcher definiert, wie ein nachhaltiges Textil zu produzieren ist. Wenn alle Beteiligten entlang der Kette GOTS-zertifiziert sind, gibt es dem Letzten – dem Kunden – auch die Sicherheit, dass der Erste in der Produktionskette entsprechend dieser Richtlinien gearbeitet hat. Alle Akteure können sich so auf ihre Vorlieferanten verlassen.  

 

Beginnen wir von vorne: Woher stammt die Wolle, die Disana in ihrer Produktion verwendet?

Da haben wir fast alle die gleiche Quelle. Auch wir kaufen unsere Wolle aus Uruguay und hauptsächlich Argentinien. Ich war schon zweimal in Südamerika, um dort die Farmen in Patagonien zu besuchen. Um zu sehen, wie da Wolle produziert wird und was dort unter Nachhaltigkeit verstanden wird. Es war uns wichtig ganz vorne an der Kette anzusetzen und mit den Farmern zu sprechen und zum Beispiel zu erfahren, dass das Weidemanagement einen ganz wichtigen Teil zur Nachhaltigkeit beiträgt. Werden die Weiden gedüngt? Wieviel Auslauf hat ein Schaf? Wie oft darf ein Schaf eine Fläche pro Jahr grasen? Es war für mich sehr interessant zu hören, wie weit vorne auch die Farmer wieder ansetzen müssen, um wirklich ökologisch und nachhaltig zu arbeiten.

 

Die Schafe sind in Argentinien und Uruguay, aber inwieweit sind kurze Transportwege wichtig und ist ein kürzerer Weg immer besser?

Ich denke ja, kürzer ist besser. Jetzt können wir aber an der Entfernung Argentinien-Deutschland nicht viel machen. Die hat die Kontinentalplattenverschiebung vor Millionen Jahren festgelegt, und wie ich höre, wird der Weg jedes Jahr ein paar Millimeter weiter.

Man könnte sich jetzt fragen, muss es denn überhaupt Wolle von einem anderen Kontinent sein? Auf der Schwäbischen Alp gab es mal den Versuch Merinoschafe in grossem Stil anzusiedeln (im kleinen Stil gibt es die Versuche immer noch). Aber wir scheitern immer an diesem nass-kalten deutschen Winter. Das Merinoschaf ist eine der ältesten Zuchtrassen, ist empfindlich auf nass-kaltes Wetter und findet in den eher trockenen, gerne auch kalten Regionen Südamerikas, aber auch in Australien und Neuseeland, die besten Bedingungen.  

Da wir nun mal bei Baby-Kleidung, die auf jeden Fall kratzfrei sein muss, auf sehr feine Wolle angewiesen sind, können wir wiederum nur auf die Wolle von Merinoschafen zurückgreifen. Und die gibt’s nun mal überwiegend in der südlichen Hemisphäre.

 

Und warum Südamerika und nicht Australien und Neuseeland?

Seit etwa hundert Jahren haben die Farmer in Australien und Neuseeland mit einer Fliege zu kämpfen, die ihre Eier in die Afterfalte der Merinoschafe legt. Dort entwickeln sich Maden, die sich dann ins Fleisch der Schafe bohren und das Schaf von innen auffressen. Den Befall dieser Fliege gilt es unbedingt zu vermeiden.

Entweder macht man das chemisch, indem man die Schafe regelmässig mit Pestiziden behandelt. Diese Pestizide bleiben aber leider in der Wolle sehr gut haften, vor allem im Lanolin, was zu einer starken Schadstoffbelastung der Wolle führt. Oder aber man wendet die Methode des Mulesing an, die jedoch stark in Verruf geraten ist. Mulesing bedeutet, dass man die Afterfalte der Schafe durch gezieltes Anritzen mit einem Skalpell zur Vernarbung anregt. In diese Narbe kann die Fliege nämlich ihre Eier nicht legen. An den Folgen dieses Eingriffes sterben aber regelmässig viele Lämmer.

Wir wollen weder die chemische Keule einsetzen noch Mulesing betreiben. Da hilft uns dann nur noch Patagonien, Südamerika. Dort bläst ständig ein sehr starker Wind und deswegen gibt’s da kaum Insekten. Die patagonischen Farmer können auf Chemiekeule und Mulesing verzichten, weil es diese Fliege da gar nicht gibt. Das ist der Grund, warum eigentlich alle wollverarbeitenden Naturtextiler sehr gerne auf patagonische Wolle zurückgreifen.

 

Wie geht es dann weiter? Was passiert mit der geschorenen Merinowolle? Auf was muss geachtet werden?

Der nächste Arbeitsschritt nach dem Scheren ist dann tatsächlich die Wollwäscherei. Ein sehr energieintensives Geschäft. Wolle wird in fast kochendem Wasser in grossen Wollwaschbecken gewaschen. Da ist die Frage: Welches Waschmittel darf verwendet werden? Und wie wurde die Maschine vorher gereinigt, so dass keine Rückstände von konventioneller Wolle oder konventionellem Waschmittel mehr drin sind?  

Eine weitere Frage ist, wie die Energie für die Waschanlage gewonnen wird: Wenn wir eine möglichst nachhaltige Produktion erreichen wollen, dann soll die Energiegewinnung der Wäscherei auch nachhaltig sein. Manche Wäschereien Heizen mit Holz, die sie in eigenen Wäldern gewinnen, manche verwenden Schweröl zum Heizen, und wieder andere verwenden Windkraftwerke. Das heisse Waschwasser mit den Schmutzanteilen der Wolle darf die Wäscherei auf gar keinen Fall in den Fluss oder See zurückleiten, von dem sie es gewonnen hat. Sie darf es aber auch nicht in die Kläranlage geben, weil dieses Wasser viel zu sauerstoffarm ist. Durch das Erhitzen entweicht der Sauerstoff aus dem Wasser. Wenn sie dieses wieder in den Fluss leiten würden, würden sämtliche Fische ersticken. Deswegen wird dieses Wasser, dass auch sehr nährstoffreich ist, verwendet um Eukalyptuswälder zu Giessen und zu Düngen. Und diese Eukalyptuswälder dienen vielen Wäschereien wiederum zur Energiegewinnung, indem sie das Holz verheizen. Eukalyptus wächst sehr schnell und brennt gut durch die ätherischen Öle, die das Holz enthält. So haben die Wäschereien einen kleinen Kreislauf für sich gewonnen, wie sie a) ihr sauerstoffarmes Wasser wieder der Natur zuführen können und b) wie sie damit auch noch schnelleres Holzwachstum generieren.

 

Dann kommt als nächstes der Transport der Wolle:

Die Wolle wird in grossen Ballen in Container verpackt am Hafen von Trelew in Argentinien und muss dann nach Bremen an die deutsche Woll-Börse geschafft werden, von wo fast alle Spinnereien in Europa ihre Wolle beziehen. Jetzt müssen wir gucken, wie man die Wolle möglichst nachhaltig von Argentinien hierher bekommt und da spielt das Schiff natürlich eine grosse Rolle. Aber ich muss zugeben, in den letzten zwei Jahren aufgrund der weltweiten Transportprobleme, waren wir schon froh, wenn überhaupt ein Schiff die Südamerika-Route gefahren ist und die Ware von A nach B kam. Da ist leider der Nachhaltigkeitsgedanke ein bisschen ins Stocken geraten. Aber das ist sicher ein Ansatzpunkt, wo man langfristig darüber nachdenken muss, ob man nicht sogar die Art des Schiffes auswählen kann, welches die Wolle nach Europa bringt. Da haben wir aber im Moment noch zu wenig Einfluss.

 

Und zum Schluss, wie kann die Produktion nachhaltig(er) gestaltet werden?

Ich mag das Wort «nachhaltig» mittlerweile nicht mehr, weil es wirklich inflationär benutzt wird. Ich ersetze das Wort sehr gerne durch das Wort «Achtsamkeit». Es ist mir in der Produktion sehr wichtig, dass wir vorsichtig und achtsam mit diesem kostbaren Rohstoff umgehen. Und das bedeutet auch, dass wir zum Beispiel unsere Schnitte so optimieren, dass möglichst wenig Abfall anfällt. Wir haben es in den letzten Jahren geschafft, durch den Einsatz von moderner Computer- und Zuschneidetechnik den Verschnitt, das heisst den Abfall des Zuschneidens, von über 24 Prozent auf jetzt rund 18 Prozent zu senken. Wir brauchen also 6 Prozent weniger Rohmaterial und das macht sich bei einem Bedarf von jährlich ungefähr 160 Tonnen Wolle natürlich bemerkbar.

Als nächster Schritt arbeiten wir gerade intensiv an der Wiederverwertung dieses «Abfalls». Aus den Schnittresten, die wir in eine grosse Reisserei geben, die sie wieder verfasern, stellen wir einen Filz her. Mittlerweile bieten wir auch viele Produkte aus diesem schönen Filzstoff an, der von allen sehr gelobt wird, weil er aus dieser hochwertigen, feinen Merinowolle gemacht wird. Wirklich ein super Material!

Ein zweites Projekt, welches in den nächsten Tagen anläuft, ist, dass wir aus dieser gerissenen Wolle wieder ein Garn spinnen, welches wir auf unsere Strickmaschinen hier im Haus nehmen können. So dass wir dann aus diesen Resten wieder einen neuen Artikel stricken können. Und dieser Warenkreislauf - dieses Recycling - das halte ich für unglaublich wichtig, um auch wirklich von einem nachhaltigen Arbeiten sprechen zu können.

  

Das Gespräch wurde am 31. Oktober 2022 geführt. Weitere Informationen zum Thema «Nachhaltige Wolle» findest du hier.

Vorheriger Beitrag Nächster Beitrag